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Rekordläufer vom LC Uster verblüfft

Mit 40 Jahren durchbricht er die magische Marke

Tadesse Abraham läuft den Halbmarathon in weniger als einer Stunde, übertrumpft die grössten Koryphäen und sagt, was das mit seiner Frau und Paris 2024 zu tun hat.

Redaktion
Tamedia
Donnerstag, 22. September 2022, 10:17 Uhr Rekordläufer vom LC Uster verblüfft
So schnell wie nie: «Man kann auch in diesem Alter noch Fortschritte machen», sagt Tadesse Abraham.
Foto: PD

Irgendwann verbietet sich die Frage nach dem Rücktritt. Obwohl sie in diesen Tagen mit den Rückzügen der über 40-Jährigen Roger Federer und Nicola Spirig nicht aus der Luft gegriffen wäre.

Doch spätestens als Tadesse Abraham vom LC Uster sagt: «Alles, was ich jetzt mache, gehört schon zur Vorbereitung für die Olympischen Spiele 2024», ist klar, dass der Schweizer Rekordhalter im Marathon noch sportliche Pläne hat.

Auch er ist im August 40 geworden, seine Frau hat ihn mit einem Fest überrascht. Zwischen den Trainingslagern in St. Moritz und Iten im Hochland von Kenia machte er zu Hause in Genf kurz halt. Und jetzt hat sich Abraham nicht nur eine magische Marke erlaufen, es ist sogar ein Rekord: Am Sonntag ist er den Halbmarathon von Kopenhagen in weniger als einer Stunde gelaufen (59:53 Minuten).

Für ihn war es eine Premiere und: Vor ihm hat das keiner über 40 geschafft. Die Bestzeiten vor ihm hielten die Koryphäen Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele.

«Meine Karriere geht dem Ende zu, und ich habe es mit den 59 Minuten noch auf die höchste Stufe geschafft.»
Tadesse Abraham

Abraham muss nicht lange nach dem richtigen Wort suchen, wenn man ihn fragt, was er fühle. «Stolz» sagt er. «Klar, ich bin stolz. Meine Karriere geht dem Ende zu, und ich habe es mit den 59 Minuten noch auf die höchste Stufe geschafft.»

Das solle auch eine Bestätigung für andere sein. «Man kann auch in diesem Alter noch Fortschritte machen.» Er hat sich um eine knappe Minute gesteigert – das hat er nicht erwartet. «Das war ein Traum.»

Abraham hat schon im Frühling beim Zürich Marathon überrascht, als er seinen sechs Jahre alten Schweizer Rekord verbesserte. Es tönte danach ein wenig so, als wäre das eine Trotzreaktion gewesen. Er sagte damals: «Ich habe es allen gezeigt, die mich wegen meines Alters schon abgeschrieben hatten.» 

Den Schuh mitentwickelt

Tatsächlich geriet er nach dem EM-Silber-Gewinn 2018 ein wenig ins Abseits, als die meisten Rennen von Nike-Läufern dominiert wurden, weil diese Schuhe schon über eine Carbonplatte verfügten. Abrahams Ausrüster Adidas war damals noch nicht so weit, was für ihn (auch) zu einem psychologischen Nachteil wurde. Als am Ende des ersten Pandemiejahres 2020 sein Vertrag auslief und dieser nicht erneuert wurde, vermisste Abraham die Wertschätzung und orientierte sich neu.

Dass er noch immer schneller wird, will Abraham aber nicht nur auf seinen jetzigen Partner On reduzieren, der ihn Anfang 2021 als ersten Marathonläufer verpflichtete. «On hat in der Entwicklung eine Art Sprint hingelegt, ich bin auch stolz, dass das Team meine Inputs berücksichtigt», sagt er. Er habe deshalb das Gefühl, «ich laufe in meinen Schuhen». 

Es ist nicht selten, dass Spitzenläufer im Halb- und im Marathon ihre besten Leistungen erst im vierten Lebensjahrzehnt erzielen. Passiert es sogar im fünften, ist es die Ausnahme.

Abraham führt das bei sich auch darauf zurück, dass er mit der Erfahrung «im Kopf ruhiger» geworden ist und an Lockerheit gewonnen hat. «Meisterschaften bedeuteten für mich immer Stress mit dem ganzen Drumherum, diesen Sommer habe ich auf WM und EM verzichtet, bin dafür zwei Bestleistungen gelaufen», sagt er. Diese Rennen habe er geniessen können.

Im November wieder in New York am Start

Dazu kommt, dass er sich wie einst in Kenia vorbereitete. Nach Jahren in Äthiopien zwangen ihn die dortigen Unruhen zum Wechsel, zudem war es zu ineffizient. «Ich fuhr immer zuerst eine Stunde Auto, bevor ich trainieren konnte.

Das ist in Kenia anders. Da laufen wir meist sofort los.» Angeschlossen hat er sich der Gruppe von Julien Wanders – Abraham hält sich in grossen Teilen auch an dessen Trainingsprogramm. «Erscheint mir etwas als zu viel, verzichte ich darauf. Ich weiss mittlerweile, was mir guttut.» 

Abraham ist am Sonntag ohne Leistungsdruck gelaufen, hat sogar einiges riskieren können. Denn am Tag nach seinem Geburtstag erhielt er vom New York Marathon die Bestätigung für den Startplatz am 6. November.

Sein Manager hatte bei den Verhandlungen gute Karten: 2017 lief er in der amerikanischen Metropole bereits auf den sehr guten 5. Rang, und nun wurde er im Frühling erstmals Schweizer Meister mit nationalem Rekord über die 42,195 Kilometer. Abraham sagt: «Ich bin gesund, ich bin schneller als damals, ich bin gespannt.» 

(Monica Schneider

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