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Illnauer Sportarzt im Interview

Herzmuskelentzündungen im Spitzensport: Das sagt der Kardiologe

Langläuferin Anja Weber im letzten Sommer und nun Marathonläuferin Fabienne Schlumpf: Gleich zwei Oberländer Spitzensportlerinnen erhielten zuletzt die Diagnose Herzmuskelentzündung. Kardiologe und Sportarzt Christian Schmied sagt, was das für die Betroffenen bedeutet.

Florian
Bolli
Montag, 10. Januar 2022, 21:17 Uhr Illnauer Sportarzt im Interview
Eine Herzmuskelentzündung ist nicht leicht zu diagnostizieren.
Symbolbild: Pixabay/PD

Es fühlte sich für Anja Weber nicht an, als hätte sie ein potenziell schwerwiegendes medizinisches Problem. «Ich fühlte mich nie schlecht. Ich wurde einfach schneller müde.» Das sagte die 20-jährige Hinwilerin, die sowohl im Triathlon als auch im Langlauf zur nationalen Elite gehört, nach ihrer fast viermonatigen Zwangspause. Der Grund: Eine Herzmuskelentzündung.

Rat bei Weber suchte sich in den letzten Wochen Fabienne Schlumpf. Die Wetzikerin erhielt kurz vor Weihnachten dieselbe Diagnose. «Nach einem lockeren Dauerlauf hatte ich das Gefühl, einen Marathon absolviert zu haben», sagte die Schweizer Marathon-Rekordhalterin und Olympia-12. von Tokio 2021.

Was bedeutet diese Diagnose für einen Spitzensportler? Was für Risiken bringt sie mit sich? Was heisst es, wenn die Erkrankung durch das Coronavirus ausgelöst wird? Und inwiefern ist die Corona-Impfung diesbezüglich ein Risiko? Diese und weitere Fragen beantwortet der Illnauer Christian Schmied, Leitender Arzt Kardiologie am Unispital Zürich und Sportmediziner, im Interview.

Wodurch entsteht eine Herzmuskelentzündung?

Christian Schmied: Eine Myokarditis ist klassischerweise durch virale Infektionen bedingt. In der Regel sind das gastrointestinale und respiratorische Viren, also Viren, die Durchfall, Erkältungen oder Grippe auslösen können. Diese Viren greifen in einem relativ hohen Mass auch den Herzmuskel an. Die Häufigkeit wird wohl massiv unterschätzt.

Gibt es typische Symptome?

Es ist schwierig, eine Myokarditis zu diagnostizieren, weil die Symptome unspezifisch sind. Eines davon nennen wir in Medizinerkreisen Malaise: Man fühlt sich total kaputt und abgeschlagen. Manche Leute verspüren Herzrasen oder Herzstolpern. Viele merken auch nichts. Die Diagnose stellen wir dann mittels Blutuntersuchung und bildgebenden Verfahren wie einer Magnetresonanztomographie (MRI). Wenn man eine virale Infektion hat, sollte man aber grundsätzlich davon ausgehen, dass auch der Herzmuskel betroffen sein könnte, und sollte entsprechende Vorsichtsmassnahmen ergreifen.

Bei Fieber kein Sport, sagt man.

Genau, das ist das Naheliegende. Ich gehe aber etwas weiter und empfehle bei grippalen Erkrankungen eine Sportpause von drei bis fünf Tagen, auch wenn das Fieber wieder weg ist. Dies, um die Gefahr einer Myokarditis gering zu halten.

Ist eine Myokarditis gefährlich?

Es gibt verschiedene Verlaufsformen. Eine sehr seltene fulminante Form, die innert kurzer Zeit tödlich verlaufen kann. Meistens läuft eine Herzmuskelentzündung jedoch relativ unspektakulär ab, ohne dass man sie erst wirklich wahrnimmt. Eine grosse Anzahl heilt langsam wieder ab, kann aber nach drei bis sechs Monaten zu einer Narbenbildung führen. Diese Narben können Herzrhythmusstörungen verursachen – gerade bei Belastung.

«Die Myokarditis ist eine der häufigsten Todesursachen im Sport.»

Ist dieses Risiko für Spitzensportler höher, weil ihr Herz stärker belastet wird?

Sport führt ganz generell zu einem Reiz durch Stresshormone und somit auch zu einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen. Insofern sind natürlich Spitzensportler betroffen, aber es ist auch bei Hobbysportlern der Fall. Die Myokarditis ist eine der häufigsten Todesursachen im Sport. Das kann auch passieren, wenn sich jemand etwa während einer akuten Myokarditis körperlich stark belastet. Ein entzündeter Herzmuskel kann genauso Herzrhythmusstörungen auslösen wie ein vernarbter.

Wie soll man sich denn verhalten, wenn eine Myokarditis diagnostiziert wurde?

Wir empfehlen mindestens drei bis sechs Monate Sportpause.

Hängt die Frage, ob eine Vernarbung entsteht, direkt damit zusammen, wie gut man sich geschont hat?

Das ist eine gute Frage. Man kann das nicht so sagen – es ist eher Glück oder Pech. Wir machen drei bis sechs Monate nach der Diagnose erneut ein MRI und können dann sagen, ob eine Narbe besteht oder nicht. Je nach Ausdehnung der Narbe ist die Komplikationsrate höher, das haben Studien gezeigt.

Was bedeutet eine Vernarbung für einen Spitzensportler?

In diesem Fall macht man eine sorgfältige Risiko-Evaluation und probiert durch verschiedene Untersuchungen möglichst genau herauszufinden, ob die Narbe eine Gefahr für Rhythmusstörungen birgt oder nicht.

«Wichtig ist, sich zu schonen, wenn man einen grippalen Infekt hat.»

Spitzensportler sind also einigermassen auf der sicheren Seite. Bei einem Hobbysportler kann es aber sein, dass er gar nicht weiss, welchem Risiko er sich aussetzt?

Ja, das kann sein. Doch man muss auch sehen: Die Myokarditis ist sehr häufig – aber dadurch bedingte Todesfälle während des Sporttreibens sind dann doch verhältnismässig selten. Man muss schon Pech haben. Wichtig ist, sich zu schonen, wenn man einen grippalen Infekt hat. Und wenn man danach glaubt, es stimme etwas nicht, geht man lieber einmal mehr zum Arzt und klärt ab, ob allenfalls eine Myokarditis im Hintergrund ist.

Kann man die Ursache einer Myokarditis immer eruieren?

Ausser in fulminant verlaufenden Fällen bei Patienten auf der Intensivstation macht man in der Regel keine Biopsie des Herzmuskels, um die Ursache herauszufinden. Oft geben die Athleten an, dass sie vor Kurzem an Durchfall oder an einer starken Erkältung gelitten hätten. Dann geht man davon aus, dass auch eine Myokarditis bestehen könnte.

«Die Gefahr einer Myokarditis ist bei einer Infektion sehr viel grösser als bei der Impfung.»

Auch Covid kann eine Myokarditis auslösen, bei Anja Weber war das der Fall. Wie viel weiss man darüber bereits?

Grundsätzlich kann das Sars-Cov-2-Virus, wie viele Viren, auch den Herzmuskel befallen. Im Akutstadium sterben auf den Intensivstationen viele auch an einer Myokarditis. Interessant ist: Das Virus scheint mehr die Blutgefässe zu befallen. Die von diesem Virus ausgelösten Herzmuskelentzündungen scheinen nicht so viele Spätfolgen zu verursachen. Das ist nicht in Stein gemeisselt, wir brauchen noch mehr Daten, aber es ist ein Licht am Horizont. Es scheint für den Herzmuskel gefährlichere Viren zu geben.

Bei Fabienne Schlumpf tauchte in Kommentaren auf Social Media sofort die Frage nach dem Zusammenhang mit der Corona-Impfung auf. Wie wahrscheinlich ist das?

Es gibt Herzmuskelentzündungen nach Impfungen. Doch diese sind extrem selten und verlaufen zum allergrössten Teil gutartig. Der Nutzen der Impfung überwiegt ein allfälliges Risiko einer Impf-Myokarditis massiv. Es ist in diesem Fall kein Virus, das den Herzmuskel befällt, sondern der Körper löst eine Immunreaktion aus, welche dann sehr selten auch den Herzmuskel involviert. Die Gefahr einer Myokarditis ist bei einer Infektion sehr viel grösser als bei der Impfung.

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