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Erstes Baugesuch für die Weberei Grünthal

Juckerns Wahrzeichen ist in einem schlechten Zustand

Die Eigentümer der alten Weberei in Juckern-Saland wollen den markanten Hochkamin schnellstmöglich sanieren. Denn ein Teil des Mauerwerks könnte in naher Zukunft einstürzen.

Annabarbara
Gysel
Donnerstag, 13. Januar 2022, 16:00 Uhr Erstes Baugesuch für die Weberei Grünthal

Der Hochkamin von Juckern ist schon von Weitem sichtbar. Gut 37 Meter ragt er direkt neben dem Fabrikgebäude der ehemaligen Weberei Grünthal in die Höhe. Mit seiner unverkennbaren runden Form und den gelblichen Backsteinen hebt er sich deutlich von der Umgebung ab.

Seit seiner Erbauung 1927 prägt er das Ortsbild des Weilers. Er gehört zum Kesselhaus aus dem Jahr 1878, das die Weberei einst mit Energie versorgt hat. Diese und alle dazugehörigen Bauten wechselten im vergangenen Frühling die Besitzer (siehe Box).

 

Die Grafik zeigt die Lage von Fabrik, Hochkamin und Kesselhaus.
Der Hochkamin gehört zum alten Kesselhaus auf dem Weberei-Areal. (Grafik: Elias Wirth)

Im Rahmen der Verkaufsverhandlungen hatte die kantonale Denkmalpflege die Gebäude in Juckern zum ersten Mal vollständig für das Inventar dokumentiert. Dabei bestätigte sie, dass der ganze Komplex grossmehrheitlich schützenswert ist und nicht abgerissen werden darf.

«Der Kamin darf in seiner Signalwirkung nicht beeinträchtigt werden.»

Denkmalpflege Kanton Zürich

Das Kesselhaus mit seinem Hochkamin stufte sie als «wirtschaftsgeschichtlich bedeutender Zeuge» ein. Weiter schrieb sie in ihrem Gutachten, dass dem Kamin «sehr hohe ortsbildende Bedeutung» zukomme. Er sei zu erhalten und dürfe «in seiner Signalwirkung nicht beeinträchtigt werden».

Steine fallen herunter

Doch es steht nicht gut um das bald 100-jährige Wahrzeichen. Sein Zustand lässt bereits seit längerer Zeit zu wünschen übrig. Anwohnern zufolge sind schon mehrfach Backsteine aus dem Kamin herausgebrochen und in die Tiefe gestürzt.

Das Mauerwerk weist entsprechend Löcher auf. Die neuen Eigentümer der J. Jucker AG haben beschlossen zu handeln. Ende letzten Oktober reichten sie bei der Gemeinde Bauma ein Baugesuch ein.

Diesem ist zu entnehmen, dass ein Teilabbruch sowie eine temporäre Sicherung und Sanierung des Hochkamins geplant sind. Kostenpunkt: rund 15 Millionen Franken. «Die Sicherheit war massgeblich, nicht die Kosten», erklärt Marco Brunner, Verwaltungsratspräsident der J. Jucker AG, auf Anfrage.

Marco Brunner, Verwaltungsratspräsident der J. Jucker AG, zusammen mit seinem Vorgänger Hans-Felix Jucker.
Verwaltungsratspräsident Marco Brunner (links) und sein Vorgänger Hans-Felix Jucker. (Archivfoto: Annabarbara Gysel)

Bei den Kaufverhandlungen hätten er und die anderen Investoren noch nicht gewusst, wie schlecht der Zustand des Kamins wirklich sei. «Das haben wir erst später festgestellt.»

Gutachten angefordert

Daraufhin beauftragten die neuen Besitzer die Industrieofenbau und Wärmetechnik AG – kurz Liwag – damit, den Zustand des Hochkamins zu erfassen und eine Empfehlung bezüglich Handlungsbedarfs abzugeben.

«Dadurch ist die Steinaussenseite nicht mehr gegen das Eindringen von Wasser geschützt.»

Richard Horvath, Geschäftsführer der Industrieofenbau und Wärmetechnik AG

Ein Blick in den von Liwag-Geschäftsführer Richard Horvath verfassten Abschlussbericht zeigt, warum die beantragten Bauarbeiten so dringend notwendig sind: Darin schreibt er, dass der Kamin seit über 30 Jahren ungenutzt und ohne Abdeckung der Witterung ausgesetzt ist. Auch von einem erheblichen Schadensbild ist die Rede.

Dazu gehören Verfärbungen auf der Aussenseite, Abplatzungen und Ausbrüche von Kaminsteinen sowie starke Frostschäden. «Dadurch ist die Steinaussenseite nicht mehr gegen das Eindringen von Wasser geschützt.» Das wiederum führe dazu, dass die Beschädigung stetig grösser werde.

Nicht alles Originalsubstanz

Ausserdem stellte die Liwag fest, dass der Kamin aus zwei unterschiedlichen gemauerten Zonen besteht, die aus verschiedenen Epochen stammen. Bei den unteren zwei Drittel handelt es sich noch um die ursprüngliche Mauerung.

Hingegen sei die etwa zehn Meter hohe Kaminpfeife aus rotem Backstein vor ungefähr 50 bis 60 Jahren abgebrochen und wieder neu aufgemauert worden, schreibt Horvath. Ebendiese sei in besonders schlechtem Zustand.

Aus dem obersten, neuen Teil des Kamins haben sich bereits einige Steine gelöst.
Aus dem obersten, neuen Teil des Kamins haben sich bereits einige Steine gelöst. (Foto: Annabarbara Gysel)

Der Übergang vom alten zum neuen Teil weist Kerben auf, die schlecht sind für die Stabilität. Einzelne Steine würden bereits fehlen, so der Geschäftsführer. Und andere stünden kurz davor, «herauszubrechen und herunterzufallen».

«Kamine mit einem vergleichbaren Schadensbild wurden andernorts als einsturzgefährdet eingestuft.»

Richard Horvath

Zudem haben die Zuständigen im oberen Bereich mehrere vertikale Risse ausgemacht, welche «die Statik des Kamins zusätzlich negativ beeinflussen können». Sie kommen zum Schluss, dass der Hochkamin in Juckern nicht in seinem jetzigen Zustand belassen werden sollte.

Zusammenfassend schreibt Horvath: «Kamine mit einem vergleichbaren Schadensbild wurden andernorts als einsturzgefährdet eingestuft und mussten kurzfristig saniert werden.»

Dies betreffe vor allem den Übergangsbereich vom alten zum neuen Mauerwerk. Die Liwag schätzt, dass die bestehenden Schäden in kurzer Zeit noch stärker zunehmen werden. Dadurch bestehe eine «latente Gefahr», dass der obere Teil einknicken könnte.

Teilabbruch empfohlen

Deshalb empfiehlt sie den Besitzern, den Aussenmantel des Kamins vollständig zu sanieren. Ausserdem rät sie, den obersten, neueren Teil zeitnah abzubrechen und neu aufzumauern. Dabei soll die Kaminpfeife rekonstruiert und eine geschlossene Abdeckung angebracht werden.

Mit dem Baugesuch will die J. Jucker AG nun den Abbruch einleiten. Dieser startet, sobald die Bewilligung vorliegt. Wie es danach weitergeht, steht gemäss Verwaltungsratspräsident Marco Brunner noch nicht fest.

Es sei möglich, dass Juckern künftig einen verkürzten Kamin haben könnte, erklärt er. Entschieden sei aber noch nichts. Als wichtigste Bewilligungsinstanz nennt er dabei die Denkmalpflege.

Mit dieser stehen die Eigentümer in Kontakt, um eine gute Lösung für den Hochkamin zu finden. Denn: «Er ist ein sehr wichtiger Zeitzeuge und Identifikationsträger.»
 

Neue Ära durch Besitzerwechsel

Bis im Frühling 2021 gehörten die J. Jucker AG und die ehemalige Weberei mit all ihren Bauten Hans-Felix Jucker und den Erben seines Bruders Jacques Jucker. Sie verkauften alles schliesslich an eine Gruppe aus Investoren.

Diese stammen aus der Region und realisieren seit vielen Jahren Immobilienprojekte, wie zum Beispiel das Bleiche-Areal in Wald, das Trümplerareal oder das Areal Im Lot in Uster.

Das ehemalige Weberei-Areal in Juckern-Saland wollen sie umgestalten und die Gebäude umnutzen. In den oberen Geschossen der alten Fabrik sollen dereinst Wohnungen entstehen. Auch gewerbliche Flächen sind angedacht. (agy)

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