×
Sommerserie «Buuregschichte»

Hier betreiben geistig beeinträchtigte Menschen den Bauernhof

Wetterextreme und Agrarreformen: Menschen in der Landwirtschaft leben den konstanten Wandel. In einer Sommerserie stellt Züriost Oberländer Betriebe und ihre Geschichten vor. Heute mit Simon Schmutz, der auf dem Hof Wagenburg in Seegräben mit 15 Menschen mit geistiger Beeinträchtigung arbeitet.

Matthias
Müller
Freitag, 27. August 2021, 08:00 Uhr Sommerserie «Buuregschichte»

Fragt man die Leute nach Landwirtschaft und Seegräben, so dürfte man vor allem einen Namen hören: «Jucker Farm». In einer Zeit, in der auch in der Agrarwelt neue Ideen und klare Positionierungen gefragt sind, haben die Juckers in ihr Konzept vom Erlebnishof investiert und eine Marke aufgebaut.
Nur einen Steinwurf entfernt hat sich indessen in den 1970er-Jahren ein anderer Seegräbner daran gemacht, eine Agrar-Nische zu besetzen, aus der es sich heute optimistisch in die Zukunft blicken lässt: der Bauer Andreas Ott. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat er mit seiner Frau Daniela den einst überschaubaren Hof Wagenburg zu einem vielseitigen Demeter-Betrieb ausgebaut.

Eine wahrgewordene Utopie
Dem Prinzip der biodynamischen Landwirtschaft entsprechend wird hier auf 50 Hektaren mit Milchkühen, Kälbern, Schafen, Schweinen, Hühnern, Ziegen, Eseln, Pferden und diversen Kleintieren gearbeitet und Gemüseanbau betrieben. Das wirklich Spezielle am Betrieb sind aber seine menschlichen Bewohnerinnen und Bewohner: Als Teil des Vereins Zürcher Eingliederung arbeiten und leben 15 Menschen mit geistiger Beeinträchtigung auf dem Hof (siehe Box). In Zeiten des industriellen Produktionsdrucks wirkt die Konstellation wie eine kleine, wahrgewordene Utopie.

Es ist ein grosses Erbe, dass Andreas Ott hinterlassen hat, als er sich vor zwei Monaten in die Pension verabschiedete. Simon Schmutz weiss das. Der 50-Jährige hatte in den 1990er Jahren auf dem Hof seine Lehre gemacht. Er ist seit gut 5 Jahren zuständig für den Landwirtschaftsbetrieb und damit der eigentliche Bauer. Er sagt: «Alle sprechen davon, den landwirtschaftlichen Kreislauf möglichst schliessen zu wollen. Wir kommen dem nahe.»

Alle sind auf einander angewiesen
Kreislauf ­– der Begriff wird noch einige Male fallen. Im Kern geht es darum, so wenig als möglich einzukaufen, alles selbst herzustellen und sich selbst zu tragen.
«Boden, Pflanze, Mensch und Tier sind auf einander angewiesen. Wir versuchen entsprechend alles zu pflegen», führt Schmutz aus. «Der Leistungsgedanke steht hier nicht über allem, das Soziale ist wichtiger. Die von uns betreuten Personen müssen sich wohlfühlen, damit alles gut funktioniert.» Und: «Es ist unser Ziel, Betrieb und Betreuung so wenig als möglich zu trennen.»

Gemeinsam geht's am besten: Bauer Schmutz und sein Mitarbeiter Liun füttern die Kühe. Foto: Christian Merz
Foto: Christian Merz
Foto: Christian Merz

Es sind letztlich die Menschen und ihr Geist, die diesen Betrieb ausmachen. Menschen wie Olivier, der gerade in seiner orangen Jacke den Kühen das Gras zuschaufelt und stolz für die Kamera posiert. Simon Schmutz lächelt. «Sie sind ungefiltert, zeigen ihre Emotionen und füllen den Ort mit Leben.»

Enorm viele Stärken
Natürlich sei es nicht immer nur einfach.
«Ja, es braucht schon Geduld», sagt Schmutz und schaut hinauf auf die Strasse. Dort sitzt ein junger Mann mit Trisonomie 21, der erst seit einer Woche hier ist, auf einem Stuhl und schaut sich die vorbeifahrenden Autos an. «Es wir noch einen Weile dauern, bis er richtig angekommen ist.»

«Sie sind ungefiltert, zeigen ihre Emotionen und füllen den Ort mit Leben.»
Simon Schmutz über seine Mitarbeiter

Die betreuten Mitarbeiter hätten aber auch enorm viele Stärken, von denen er profitieren könne. „Einige können sich viel besser auf eine Arbeit konzentrieren, sind weniger abgelenkt“, sagt er. Dann erzählt er von einem betreuten Mitarbeiter, der schon seit 30 Jahren auf dem Hof Wagenburg lebt und eigentlich eine «lebende Chronik» sei: «Der weiss haargenau, welcher Stier oder welcher Lehrling von wann bis wann hier war.»

Weniger, dafür mit Hörner
Ähnliches gilt für das Wohlbefinden der Tiere, schliesslich tragen auch sie den Geist des Hofes mit. Vor allem die Kühe. Sie gelten in der Demeter-Philosophie als zentral weil sie am selben Ort fressen und Dung produzieren.
«Wir haben hier 47 Kühe», erklärt Schmutz. «Die Stallung würde eigentlich 70 erlauben, doch weil wir sie nicht enthornen, geben wir ihnen viel mehr Platz.»

Man kennt und schätzt sich: Die Gänse spazieren an den Kühen vorbei.
Die Demeter-Philosophie schreibt den Kühen eine zentrale Rolle zu. Foto: Christian Merz
Hörner soweit das Auge reicht. Foto: Christian Merz

Gleichzeitig wolle man sie Kühe nicht auspressen, um kurzfristig eine maximale Menge Milch zu gewinnen, sondern sie möglichst lange und nachhaltig zu nutzen. Auf der Wagenburg setzt man deshalb auch auf Zweinutzungskühe und nicht auf die produktiveren, spezialisierten Rassen.

Farbige Anarchisten
Auf dem Rundgang über den Hof eröffnet sich eine weitere Seite der Demeter-Kultur. Die Gänse watscheln munter vor den grasenden Kühen vorbei, etwas weiter hinter kreuzen die farbigen Pfauen freilaufend den Weg.
«Unsere Anarchisten», sagt Simon Schmutz und lacht. Auf der Ostflanke des Hofs vergnügen sich einige Mastschweine in einem Gehege, das mit seinen Steinbergen ein wenig an einen Abenteuerpark erinnert.

Unterdessen ist Andreas Wyss hinzugestossen. Er verantwortet derzeit die Abteilung Gemüsebau. In diesem Bereich hat die Wagenburg kein gutes Jahr hinter sich. Zu viel Regen, zu wenig Sonne zu oft Hagel. Die Frage nach der Lage beantwortet er mit einem Schulterzucken. «Der Vorteil der Vielfalt ist, dass eine magere Ernte in einem Bereich, durch etwas anderes kompensiert werden kann.» Produktion hin oder her. Die Essenz sei etwas anderes: «Das Leben während der Arbeit, das durch die betreuten Personen erfüllt wird.»

Der Gemüseanbau ist für den Hof Wagenburg auch wirtschaftlich sehr wichtig. Foto: Christian Merz
Reichhaltige Grünkultur: Auf dem Hof Wagenburg gibt es allerlei Gemüse. Foto: Christian Merz
Die Schweine geniessen den Auslauf. Foto: Christian Merz
Auch die 140 Hühner wollen gefüttert sein. Foto: Christian Merz

Direkter – und persönlicher
In den Kanon stimmt Lucia Wyss im Hofladen mit ein. Dieser führt fast alles, was die Kundschaft nachfragt. Vom Gemüse über das Dinkelbrot bis hin zu Konfitüren und Käse – alle Rohmaterialien kommen vom Hof.
«Die Leute, die hier einkaufen, schätzen den direkten Kontakt», sagt sie. «Durch unsere betreuten Personen wird er persönlicher.» So lasse sich wiederum nicht nur das Bedürfnis oder das passende Produkt besser finden, sondern auch einiges erklären. «Die Kunden wissen dann etwa, dass das Gemüse nicht so schön ausschaut, weil es gehagelt hat.»

Wie sich der Betrieb hinter den Kulissen organisiert, erklärt Pascal Schneider. Er hat vor zwei Monaten die Betriebsleitung vom pensionierten Andreas Ott übernommen. «Unsere Bewohner arbeiten in verschiedenen Gruppen: in der Landwirtschaft, im Gemüsebau, in der Baugruppe oder im Hofladen. Es gibt Turnusse, aber grundsätzlich arbeiten sie in jenen Bereich, auf denen sie sich spezialisiert und wo sie sich am wohlsten fühlen.»

Der Hofladen Wagenburg ist in Seegräben eine Institution. Foto: Christian Merz
Frisch gepflückt und ohne Transportwege: Tomaten aus dem hofeigenen Gewächshaus. Foto: Christian Merz.
Das Auge kauft mit. Foto: Christian Merz
Pascal Schneider ist als Betriebsleiter des Hof Wagenburg der Mann hinter den Kulissen. Foto Christian Merz

Arbeiten, wohnen und leben
Die beschworene Stimmigkeit – sie wird hier so gelebt, dass man sie fast zu spüren glaubt. Insgesamt  19 Personen – darunter Bauern, Lehrlinge und diverse Agogen – sind hier angestellt. Sie kümmern sich um den Hof und die Bewohner. Tatsächlich leben die Menschen hier zu grossen Stücken auch in der Freizeit zusammen. Simon Schmutz wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Bauernhaus, direkt angegliedert sind die Wohnhäuser für die betreuten Mitarbeiter und das Betreuungspersonal. Einige Bewohner sind bereits seit Jahrzehnten hier.

Die Prinzipien, nach denen die Menschen leben, prägen deren Selbstwertgefühl – egal ob regulärer Mitarbeiter oder betreute Person. «Jeder, der hier arbeitet, fühlt sich hier zuhause und weiss, dass er wichtig ist. Jeder leistet seinen Teil dazu, dass der Hof wächst und schöner und besser wird», sagt Simon Schmutz. Und: «So darf auch jeder das Gefühl haben, dass er unersetzlich ist.»

VZE: Der Kreislauf über dem Kreislauf
Der Wagenburg Hof in Seegräben ist Teil des Vereins Zürcher Eingliederung (VZE), einem Sozialwerk, das in seinen Betrieben Wohn- und Arbeitsstätten für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen anbietet. In diesen Verbund, zu dem neben den bekannten Vier Linden-Betrieben auch der Triemenhof in Hinwil gehört, werden die im Wagenburg Hof nach dem Demeter-Standard produzierten Produkte verarbeitet, zur Ernährung verwendet oder verkauft.
Der Bauer Simon Schmutz ist Präsident des Vereins für biologisch-dynamische Landwirtschaft, der Vereinigung der Schweizer Demeter-Produzenten. Das Label, das im Zuge einer 1924 vom Philanthropen Rudolf Steiner gehaltenen Vortragsreihe entstanden ist, gilt als ältestes und striktestes Bio-Label überhaupt. Angesichts des immer stärker werdenden Nachhaltigkeitsbewusstseins in der Gesellschaft hat es in den letzten Jahren enorm an Bekanntheit gewonnen. Unterdessen führen auch die Schweizer Grossisten Migros und Coop eine Vielzahl an Demeter-Produkten im Sortiment. (mmu)

Kommentar schreiben