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Züriost-Blog

Die Polizei ist sensibel geworden – richtig so!

Thomas
Bacher
Sonntag, 30. Mai 2021, 14:27 Uhr Züriost-Blog

Viele Menschen schimpfen ja über die Polizei, sie sei allgemein grob und willkürlich im Umgang, gehe brutal gegen Demonstrierpersonen vor, verteile Bussen, obwohl man sein Auto doch nur eine halbe Stunde auf dem Behindertenparkplatz abgestellt habe. Kurz: willfährige Vollstrecker eines auf Unterdrückung basierenden politischen Systems.

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Das stimmt selbstverständlich alles. Aber man muss auch sagen, dass die Polizei in letzter Zeit einige Fortschritte gemacht hat und durchaus sensibler geworden ist. Deutlich manifestiert sich das in den Polizeimeldungen. Da wurde früher einfach geschrieben: «Unbekannte Täter sind in der Nacht auf Sonntag in den Denner in Unterdiessenhofen eingebrochen und haben Waren im Wert von mehreren Tausend Franken gestohlen.» Und die Zeitungen haben es so übernommen.

Angesichts solcher Meldungen monierten gendersensible Menschen natürlich völlig zurecht, dass durch die Verwendung des generischen Maskulinums der Mann als solcher mit der für eine Tat verantwortlichen Person, in Unwissenheit deren tatsächlichen Geschlechts, gleichgesetzt werde. Kurz: Mann = böse! Sogar der Stammtisch drohte, angesichts dieser Ungerechtigkeit bei Gesprächen über medizinisches Fachpersonal künftig die Ärztinnen nicht mehr explizit mitzunennen, sondern wie früher nur noch mitzumeinen.

Irgendwann reagierte die Polizei und bemüht sich seither, wenn immer möglich, geschlechtsneutral zu formulieren. Und so sind es mittlerweile also «unbekannte Personen», die nachts in die Denner im Land einsteigen. Na endlich!

Dunkler als was? Ein Schwede? Also könnte es auch ein Italiener gewesen sein. Wär ja mal wieder typisch!

Komplizierter wird es, wenn es um die Beschreibung einer Person geht, die verdächtigt wird, für eine Tat verantwortlich zu sein – und deshalb per Zeug*innenaufruf (seufz) gesucht wird. Schliesslich ist für eine Identifikation zumindest ein rudimentäres Signalement nötig, etwa was die Hautfarbe  anbelangt, und da wandelt man schnell mal im Sumpf der Rassenhygiene. Schwarz? Weiss? Braun? Unmöglich!

Die Basler Polizei behalf sich deshalb kürzlich mit der Formulierung, der Täter, der eine Frau auf einer Toilette erst sexuell genötigt und danach ausgeraubt habe, weise eine «dunklere Hautfarbe» auf. Die Medien haben es so übernommen, ohne zu fragen: dunkler als was? Ein Schwede? Also könnte es auch ein Italiener gewesen sein. Wär ja mal wieder typisch! Ah nein, blöd, das war bloss wieder so ein Helvetismus, der sich in Klardeutsch mit «eher dunkel» übersetzen lässt, womit man das negativ konnotierte «dunkel» zumindest ein wenig relativierte. Kuschelig und sensibel, so muss es sein!

Noch einfühlsamer reagierte «20 Minuten» online. Das Portal hielt fest, es werde nun nach einer «Person of Color» gefahndet. Dieser Begriff beschreibt per Definition jene Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und die die gemeinsame, in vielen Variationen auftretende und ungleich erlebte Erfahrung teilen, aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weissen Mehrheitsgesellschaft als anders und unzugehörig definiert zu werden. Und schon wird aus einer feigen Tat eine legitime Racheaktion einer systemisch unterdrückten Person an einer privilegierten Vertreterin einer imperialistisch-kapitalistischen Oberschicht. Voll okay also.

Doch das ist natürlich kompletter Blödsinn. Schliesslich wurden die Gefühle und Probleme der Täter lange genug ignoriert.

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass «20 Minuten» damit aus lauter Korrektheit eine klassische Täter-Opfer-Umkehr betrieben hat, so wie das zum Beispiel einst die Nationalsozialisten mit den Juden getan haben. (Und an die Adresse der Twitter-Gemeinde müssten diese Zungen dann natürlich auch betonen, dass mit diesem völlig unpassenden Vergleich keineswegs die abscheulichen Taten der Nazis verharmlost werden sollte.)

Doch das ist natürlich kompletter Blödsinn. Schliesslich wurden die Gefühle und Probleme der Täter lange genug ignoriert. Da wird kaltherzig von Vergewaltigern und Mörderinnen geschrieben, ohne überhaupt nur zu erwähnen, dass hinter diesen vorverurteilenden Begriffen Menschen stehen. Menschen (!), die auch Probleme und Gefühle haben. Deshalb ist es vollkommen korrekt, dass sich «20 Minuten» dieser schreienden Ungerechtigkeit annimmt

Allerdings geschieht das leider erst online. Die Neandertaler von «20 Minuten» Print nämlich schreiben zum gleichen Vorfall, dass es «ein Unbekannter» war, der die Frau sexuell genötigt und ausgeraubt hat. Gemerkt? Die der Tat verdächtigte «Person of Color» wird also aufgrund der Personenbeschreibung einer privilegierten Vertreterin einer imperialistisch-kapitalistischen Oberschicht ALS MANN bezeichnet, und das allein aufgrund äusserer Merkmale, die völlig ausser Acht lassen, ob sich sich diese Person zum Zeitpunkt der Tat vielleicht gar keinem Geschlecht zugehörig fühlte. Eine solche Ignoranz ist komplett unsensibel und geht gar nicht. Schäm dich, «20 Minuten» Print. Nachsitzen!

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