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Züriost-Blog

Exquisite Schweizer Praliné mit Gallensaft

David
Marti
Dienstag, 02. März 2021, 16:06 Uhr Züriost-Blog

Im Redaktionsbüro des «Zürcher Oberländers» liegt ein rotes Gummibärchen auf dem Teppich. Wegen des geplanten Neubaus wird derzeit das Mobiliar gezügelt, und auch nach diversen Krisensitzungen konnten sich Geschäftsleitung und Verwaltungsrat nicht entscheiden, ob das Gummibärchen zur Haustechnik gehört, ein tragendes Bauteil darstellt oder vielleicht doch nur ein geschrumpfter Praktikant ist. Über die Sitzungen wurden kein Protokoll geführt, dennoch sickerte durch, dass sich keiner am unbekannten Objekt die Finger verbrennen wollte – man überlässt es, wie die Sonne, einfach sich selber.

Drei zufällig anwesenden Redaktoren war das ganz recht. Zwar verlor keiner ein Wort darüber, aber alle hatten es auf das Gummibärchen abgesehen. Indiz dafür: Es wechselte mehrmals seine Liegeposition. Ich habe wohl als einziger drauf geachtet, das Gummibärchen nach dem Lecken wieder in die Seitenlage zu bringen.

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Wir liessen erst davon ab, als wir eine bessere Futterquelle aufspürten. Eine Mitarbeiterin hatte nach ihrem Abschied eine Pralinenschachtel im Büro liegenlassen, was sie uns per Whatspp mitteilte. «Wir kümmern uns darum», versprach ich.

Zur 36-teiligen Pralinenschachtel gab es eine etwa 144-seitige Gebrauchsanleitung, dazu eine Anmeldung zu einem Kurs «Wie esse ich Schokolade?». Weil wir nichts zu verlieren hatten, assen wir die ersten Stücke ohne Sturzhelm und Kurs. «Mein Praliné weist ein gewöhnungsbedürftiges Aroma nach Erbrochenem aus», sagte mein Berufskollege nach zehn Minuten kauen. Ich guckte den anderen an: Er weinte.

Ich las nochmal im Stichwortverzeichnis der dicken Anleitung nach, ob wir vielleicht eine exquisite, von Katzen ausgeschissene Kakaobohnen-Variation, analog zu den bekannten Kaffeebohnen, erwischten – Nein.

Also rief ich den Konsumentenservice des Schweizer Schoggiherstellers an und erklärte der Frau am Telefon, welche Geschmacksnote mein Kollege anstelle der «zweischichtigen Füllung aus feinster Caramel auf zarter Crème» herausschmeckte. Ich drückte mich am Telefon sanft und crèmig aus, um von der Kakaobohne bis zur Konsumentenservicetelefonangestellten niemanden zu beleidigen. Im nun folgenden Gespräch bin ich als Schokofreund 1 aufgeführt:

 

Frau von der Schokoladenfabrik: Sowas habe ich noch von keinem gehört. Auch ich habe diese Sorte schon gegessen und den Geschmack nach Erbrochenem nicht herausgelesen. Es könnte sein, dass er etwas zu sich nahm, das sein Geschmackserlebnis getrübt hat, beispielsweise Wein, Schnaps oder Kaffee.  

(Anmerkung der Redaktion: Das ist in der Tat möglich, schliesslich sind das in exakt dieser Reihenfolge die drei täglichen Mahlzeiten eines jeden guten Journalisten.)

Schokofreund 1: Aber auch in einem anderen Praliné haben die Orangenstückchen nicht nach Orange geschmeckt.

Frau: Wenn es Ihnen zu künstlich schmeckt, kann ich das nicht beurteilen. Aber es sind keine richtigen Orangen drin.

Schokofreund 1: Vielleicht ist die Schokolade für mich zu exotisch. Truffes beispielsweise kenne ich nur aus dem Fernseher.        

Frau: Truffes ist normal, nicht exotisch, wir haben diese Sorte in den klassischen Praliné-Assortierungen drin. Ihr Produkt wird in Deutschland hergestellt, ist vielleicht nicht ganz das gleiche wie Schweizer Schokolade.

Schokofreund 1: Ah, vielleicht sind die Pralinés  für uns zu Deutsch?

Frau: Nein, nein! Daran liegt es nicht. Die meisten Leute merken das nicht. In einer Pralinépackung schmeckt nie jedem alles. Persönlich finde ich die Praliné nicht sooo falsch.

Schokofreund 1: In der Packung gibt es auch eine Garantiekarte, kann ich…

Frau: Nein, das ist kein Garantiefall.

Schokofreund 1: …auch wenn mein Kollege sagt, es schmeckt nach Erbrochenem?

Frau: Sie können mir die Packung retourschicken. Diese wird dann in Deutschland analysiert.

Schokofreund 1: Wir haben dann doch alles gegessen.

Frau: Ja wenn sie die Pralinés gegessen haben, können wir nix mehr machen.

Schokofreund 1:Eine Stuhlprobe einschicken macht da wohl auch wenig Sinn…             

Frau: Äh. ich notiere aber gerne Ihre Kritik zu den beiden Parlinésorten und hinterlege das bei mir.

 

Ich berichtete den beiden anderen Schokofreunden von meinem Gespräch. Wir zeigten uns demütig und akzeptierten, dass die exquisiten Pralinés wahrscheinlich einfach nicht für den primitiven Gaumen des Lumpenproletariats geeignet sind. Zeit, sich wieder um das Gummibärchen zu kümmern.

 

David Marti stellt sich regelmässig tot, wie ein Opossum. Trotzdem treten Menschen auf ihn ein, damit er diesen Blog schreibt.
 

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