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Züriost-Blog

Entschuldigung, kleine Schwester!

Lea
Chiapolini
Mittwoch, 17. Februar 2021, 10:00 Uhr Züriost-Blog

Es gab mal eine Zeit, da war alles schön. Ich rede jetzt nicht von der Zeit vor Corona. Nein, ich denke an viel früher zurück. Damals, als ich die gesamte Aufmerksamkeit meiner Eltern auf sicher hatte. Als ich mein Eigentum noch nicht teilen musste. Kurz gesagt: Als meine kleine Schwester noch nicht auf der Welt war.

So vieles war so viel einfacher. Die Machtverhältnisse geklärt. Ich, Lieblingstochter. Duplo, meins. Bäbi, meins. Förmli für den Sandkasten, meins. Knapp zwei Jahre ging das gut. Doch dann kam sie. Und alles wurde anders. 

Das Allerschlimmste: Sie war herzig. Die grössten Augen, die ein Kind wohl je gehabt hat. So disney-/mangamässig gross. Und sie konnte extrem früh laufen. Also ein Minimeitli mit Riesenaugen, das durch die Gegend tapste – zum Anbeissen! Es gibt sogar ein Video, auf dem sie ihre ersten Schritte macht. Ich wurstle dahinter an irgendwas rum und will die ganze Zeit Spielsachen in die Kamera halten. Doch von den Eltern heisst es immer: «Nei Lea, gang chli weg bitte.» (Habe meine Mutter mittlerweile damit konfrontiert. Sie schämt sich. Soischrächt.)

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Also was tun, wenn man plötzlich so ein Menschlein an der Backe hat? Klar: Revier markieren. Meine Eltern jammern heute noch ab und zu, ich hätte die ersten vier Jahr nicht durchgeschlafen. All meine Bemühungen, mir Gehör zu verschaffen, waren demnach eher kontraproduktiv. (Sorry Mami.)

Also nächster Schritt: Die Schwester ausbeuten. Aber auf intelligente Art und Weise. Sprich, den Zmittag möglichst schnell essen, damit man das Schöggeli zum Dessert früher erhält und dieses – schwupps – ebenfalls verdrücken. Irgendwann kommt auch die Schwester beim Dessert an. Dann lieb fragen: «Dörf ich d Hälfti?» Und weil meine Schwester ja so perfekt und nett war, teilte sie tatsächlich mit mir. Muahaha. Heute ist sie grösser als ich und rund 10 Kilogramm leichter. Woran es wohl liegt?

So ging das immer weiter. Sie sparte all ihr Geld, ich gab meines aus. Also «pumpte» ich bei ihr regelmässig Kohle. Wie viel ich ihr wohl heute schulde? So ein halbes Auto wird’s schon sein.

Mittlerweile hat mich das schlechte Gewissen eingeholt. Es ist ja nicht so, als hätte ich meine Schwester nicht gerne – im Gegenteil! Sie ist meine beste Freundin und war Trauzeugin an meiner Hochzeit! Für kein Geld (oder Schoggi) der Welt, würde ich sie mehr hergeben. 

Darum jetzt, 30 Jahre später, hochoffiziell: Entschuldigung, kleine Schwester! Sorry für all das böse grosse-Schwester-Getue und die dezente Ausbeutung in schwachen Momenten. Was würde ich nur ohne dich tun… Ich lade dich, sobald möglich, gerne in deine Lieblingskonditorei ein, um dich mit all dem Geld, das ich dir noch schulde, mit Confiserie füllen zu können.

Übrigens: Das mit der Lieblingstochter ist mittlerweile ebenfalls definitiv geklärt. Nachdem ich mir Jahr für Jahr von meinem Vater ein Diplom als Lieblingstochter wünschte, habe ich tatsächlich einmal zu Weihnachten eins bekommen. Der einzige Haken: Meine Schwester ebenso.

Lea Chiapolini will doch eigentlich gar nicht so viel. Nur ein schönes Leben, gutes Essen, viel zu lachen und ab und zu etwas zu motzen. Und natürlich immer Recht haben. Aber dies ist ihr erstes Leben. Sie übt noch.

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