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Züriost-Blog

Tschuldigung!

Thomas
Bacher
Sonntag, 24. Januar 2021, 12:00 Uhr Züriost-Blog

Ich liebe es, wenn sich in den USA ein Hollywoodstar oder ein Spitzensportler oder ein bekannter Politiker vor die Kameras stellt und vor ganzen Welt um Verzeihung bittet. Häufig geht es um ausserehelichen Geschlechtsverkehr mit einer mindestens 20 Jahre jüngeren, langbeinigen Schönheit. Oder auch um Alkohol oder Drogen. In besonders pikanten Fällen kommt alles irgendwie zusammen.

Und so steht der Sünder mit gesenktem Kopf im Scheinwerferlicht und beteuert tränenreich, er werde sich einer Therapie unterziehen, um seine Alkohol-Sex-Drogen-Sucht zu bekämpfen. Dann schwenkt die Kamera zur gehörnten und im Rausch verprügelten Gattin. Diese nimmt die Hand ihres Ehemanns und sagt mit gefasster Stimme, dass sie als Paar gemeinsam an ihren Problemen arbeiten und täglich zu Gott beten würden.

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Was für ein Theater! Was für ein Drama! Aber so sind sie eben, die Amis. Sie lieben es, Menschen auf den Thron zu heben und dann dabei zuzusehen, wie sie wieder runterfallen und dann im Dreck auf den Knien rumrutschen. Und wenn sie nicht freiwillig stürzen, helfen sie gerne noch ein wenig nach.

Aber nicht nur die USA kennen diese Entschuldigungskultur. Es gibt sie auch in Europa, wenn auch ein wenig anders, eher verstaatlicht. Schliesslich hat sich der alte Kontinent in seiner langen Geschichte mehr  zuschulden kommen lassen als alle anderen. Da kamen schon ein paar Millionen systematisch verfolgte, ermordete, zerfetzte, vergewaltigte, auf dem Scheiterhaufen verbrannte, traumatisierte Menschen zusammen, in Europa wie in den Kolonien. Und so fällt seitens Regierungsvertretern und bei gegenseitigen Staatsbesuchen halt auch schon mal das eine oder andere «Sorry, wir tun es auch bestimmt nie wieder».

Lasst uns die Wogen glätten

Angesichts dieser schieren Menge an Gräueln wirken die persönlichen Schandtaten paneuropäischer Promis natürlich wie Peanuts. Und so sind auch die Reuebekundungen im Gegensatz zu denen ihrer us-amerikanischen Kollegen deutlich weniger trändrüsig, ja, häufig etwas gar lässig hingeworfen – eine lästige Pflicht, um die Wogen ein wenig zu glätten.

Beispielhaft dafür war die Entschuldigung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Als sein Techtelmechtel mit der damals erst 17-jährigen Ruby bekannt wurde, hat er gemeint, das tue ihm schon irgendwie leid, aber hey, dass er ab und zu schönen Frauen nachschaue, sei doch besser, als schwul zu sein. Die Medienleute, die an der Pressekonferenz eben noch empört und im Kampfmodus auf Berlusconi eingeprügelt hatten, nickten nach diesem Statement zustimmend. So entschuldigt man sich eben in Europa für solche Lappalien.

«Ein einziger unappetitlicher Leserbrief in einer Oberländer Dorfpostille kann reichen – und schon bekommt man Besuch von der Juso.»

In der Schweiz ist da natürlich mal wieder alles ein wenig anders. Hier trifft es angesichts stinklangweiliger Bundesräte und in Ermangelung echter Promis halt meistens den kleinen Mann. Etwa den Zürcher FDP-Lokalpolitiker, der angesichts der grassierenden Corona-Pandemie auf Twitter bekundete, es gebe sowieso zu viele Alte, Dicke und Kranke.

Oder die Moderatorin und Influencerin, die sich auf Instagram darüber beschwerte, dass eine Black-Lives-Matter-Demo ihr Shoppingvergnügen geschmälert habe. Die Reaktion auf den Shitstorm erfolgt jeweils wie nach Drehbuch: Büssermiene, gesenkter Kopf und dazu ein unterwürfiges «tut mir leid, war nicht so gemeint».

Auf die Knie!

Die Ertappten können einem fast schon leid tun, zumal der Zorn der Empörten oft aus heiterem Himmel zuschlägt – wie wenn man durch hohes Gras läuft und nie weiss, wann man in die Hundescheisse tritt. Und so kommen notorische Pöbler und Dummschwätzer jahrelang ungeschoren davon, während ein einziger unappetitlicher Leserbrief in einer Oberländer Dorfpostille reichen kann – und schon bekommt man Besuch von der Juso, die einem mit wehenden Fahnen eine Schmähpreis überreichen will.

Oder der Feuerwehrmann aus der Region, der mit einem harmlosen Instagram-Witzli für weiblichen Feuerwehrnachwuchs warb – bis empörte Medienschaffende darauf stiessen und entsetzt nachfragten, was um alles in der Welt er sich bei diesem frauenfeindlichen Post gedacht habe. Auch hier blieb dem ertappten Sünder nur eines übrig: Kopf senken und Besserung geloben.

Dabei gäbe es zum automatisierten Kniefall doch auch noch eine alternative Reaktion. Zwei Worte nur, Neudeutsch, und dazu ein Ausrufezeichen: Fuck you!

 

Thomas Bacher ist überzeugt davon, dass die Welt um ihn herum immer verrückter wird. Seinen Psychiater möchte er damit nicht belästigen, viel lieber schreibt er darüber.

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