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Die Zuger «Kirschtoten»

Uhr
David
Marti

Diese Woche lag auf der Redaktion eine Zuger Kirschtorte auf einem der Tische, der nicht fürs Arbeiten gebraucht wird. Natürlich kommt dafür jeder der Tische infrage. Während die ausgehungerten und gierigen Mitarbeiter von Verlag und Redaktion sofort ihre spindeldürren Finger in die Torte gesteckt haben, hielt sich der besonnene Teil an das Gebot der Vorsicht: Immer erst einen Vorkoster suchen und dessen Gesundheit während 24 Stunden beobachten. Schliesslich könnte der Kuchen von einem unzufriedenen Leser oder einer aufgebrachten Praktikantin gesponsert sein.

Zu dieser Kirschtorte gab es auch eine Bedienungsanleitung wie man einen Kuchen anschneidet und ganz viele historische Prominenz, die angeblich von der Torte gekostet hat und ganz entzückt davon war: Charlie Chaplin, Winston Churchill oder General Guisan. Nun sind sie alle tot, vielleicht lag es aber nicht nur an der Torte.

Persönlich mag ich die Zuger Kirschtorte nicht besonders. Dies hat auch mein Grossvater selig zu verantworten. Denn der liebe Mann war noch im hohen Alter Besitzer eines SBB-Generalabonnements und wollte dessen alljährlichen Kauf mit regelmässigen Tagesausflügen nach Zug rechtfertigen, um sich dort eine Kirschtorte zu kaufen. Die hätte er natürlich auch im Dorfbeck bekommen. Jedenfalls stellte er das weitgereiste Backwerk immer auf den Tisch, wenn die Familie zu Besuch war, die das Teil bald satt hatte. Bei uns ist die Zeit heute noch bekannt als Zuger-Kirsch-Tortur. Diese schlechte Wortschöpfung mag Sie, liebe Leserin, lieber Leser, genauso durchschütteln wie die Dyspepsie damals unseren Verdauungsapparat.

Wäre mir jedoch der prägende Einfluss des Süssgebäcks auf die Geschichte bewusst gewesen, hätte ich es damals demütiger verspeist. Dazu sei auch die Rede des US-Präsidenten John F. Kennedy in Erinnerung gerufen: «Ich bin eine Zuger Kirschtorte.» Doch diesen geschichtsträchtigen Ausspruch erwähnt der Tortenhersteller seltsamerweise mit keiner Zeile.

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